Ende Januar 1925. In Nome, ganz oben im Nordwesten Alaskas, sitzt ein Arzt namens Curtis Welch in seiner Praxis und weiß nicht mehr weiter. Vier Kinder sind bereits tot. Zwanzig weitere krank. Und das, was er am meisten fürchtet, steht inzwischen schwarz auf weiß in seinen Notizen: Diphtherie.
Nome hat damals rund 1.400 Einwohner. Der nächste brauchbare Vorrat des rettenden Serums liegt in Anchorage – über tausend Kilometer entfernt. Klingt nach einem lösbaren Problem, bis man sich anschaut, was dazwischen liegt. Keine Straße. Keine Bahn, die bis hinauf fährt. Flugzeuge? Gibt es theoretisch. Praktisch gelten die wenigen verfügbaren Maschinen bei diesen Temperaturen als zu riskant: offene Cockpits, arktischer Sturm, minus vierzig Grad.
Bleibt die uralte Variante: Schlittenhunde.
Ein Rennen, das eigentlich nicht hätte funktionieren dürfen
Die Behörden organisieren in kürzester Zeit eine Staffel. Zwanzig Musher, rund 150 Hunde, eine Strecke von ungefähr 1.085 Kilometern, für die man sonst deutlich länger braucht. Sie haben, wenn es gut läuft, nur wenige Tage.
Das Serum wird in einen schweren Metallzylinder gepackt, in Decken gewickelt, gegen das Einfrieren geschützt, so gut es eben geht. Dann beginnt das, was später in die Geschichte eingehen wird als The Great Race of Mercy.
An dieser Stelle muss man ehrlich sein. Der Musher, der den längsten und gefährlichsten Abschnitt fährt, heißt nicht Gunnar Kaasen. Und sein Leithund heißt nicht Balto. Er heißt Togo – ein kleiner, zäher Sibirischer Husky, der zum Zeitpunkt des Rennens schon zwölf Jahre alt ist. Sein Musher Leonhard Seppala treibt ihn über den zugefrorenen Norton Sound, eine Route, die man eigentlich nicht wählt, weil das Eis jederzeit aufbrechen kann. Er wählt sie trotzdem, weil sie wertvolle Strecke spart. Togo führt das Team über diese dünne, knirschende Fläche bei Sturm, bei Nacht, ohne zu zögern. Je nach Quelle werden Seppala und Togo für rund 260 Meilen des Laufs genannt – weit mehr als jedes andere Gespann.
Aber wie das im Leben manchmal so ist: Berühmt wird am Ende der, der zuletzt ankommt.
Der letzte Abschnitt
Am 1. Februar 1925, gegen Mitternacht, übernimmt Gunnar Kaasen die vorletzte Etappe. Eigentlich soll er das Serum nach ein paar Stunden an einen weiteren Musher übergeben. Aber als er an der Übergabestelle ankommt, schläft der Kollege. Der Sturm ist so heftig geworden, dass die Sicht auf null gesunken ist. Kaasen muss eine Entscheidung treffen, für die er später viel Kritik einstecken und viel Ruhm bekommen wird: Er weckt den Mann nicht. Er spannt nicht um. Er fährt einfach weiter.
Vorne am Geschirr läuft Balto. Ein schwarz-weißer Schlittenhund-Mischling, etwa sechs Jahre alt, eigentlich gar nicht der Star aus Seppalas Zwinger. Balto galt eher als verlässlicher Arbeitshund für Frachtfahrten. Kein Favorit. Keine Legende. Noch nicht.
Aber an diesem Morgen passiert Folgendes: Kaasen sieht praktisch nichts. Einmal kippt der Schlitten um, und der Serumzylinder landet im Tiefschnee. Kaasen muss mit bloßen Händen danach graben, bis die Finger nicht mehr gehorchen. Und irgendwann, so wird es später weitererzählt, bleibt Balto abrupt stehen und weigert sich, einen Schritt weiterzulaufen. Kaasen drängt nicht. Er vertraut.
So läuft das über 85 Kilometer lang. Hund vor Mensch. Instinkt vor Sichtkontrolle.











