Welche Hunderassen liegen in Deutschland wirklich im Trend – und warum gerade diese?
Dackel-Revival, Chihuahua-Boom in Berlin, Goldendoodle überall – ein ehrlicher Blick auf Deutschlands beliebteste Hunde und was ihre Popularität über uns verrät.
PawsHaus Ratgeber-Team
Hunderassen mit Charakter
Stell dir vor, du setzt dich in ein Berliner Café, nimmst deinen Kaffee, und schaust einfach mal eine Stunde lang auf die Hunde, die an dir vorbeigehen. Was siehst du? Einen Labrador, der sich verhält, als wäre der Gehweg für ihn persönlich gepflegt worden. Einen Chihuahua in einer Tasche, der dich mit einem Blick fixiert, als hätte er bereits entschieden, dass er dich nicht mag. Irgendwo einen Dackel, der mit der Ernsthaftigkeit eines kleinen Beamten läuft. Und ganz viele Hunde dazwischen, bei denen du dir nicht sicher bist, was da eigentlich alles reingemischt wurde – aber die irgendwie alle sympathisch aussehen.
Das ist Deutschlands Hundelandschaft heute. Bunt, widersprüchlich, und eigentlich ziemlich faszinierend.
Welche Rassen gerade wirklich hoch im Kurs stehen, warum manche Hunde plötzlich aus dem Nichts überall auftauchen, und was das über uns als Gesellschaft verrät – darum geht es in diesem Beitrag. Kein trocken aufgelistetes Ranking, sondern ein ehrlicher Blick auf das, was sich in deutschen Wohnzimmern und auf Bürgersteigen gerade wirklich abspielt.
Der Mischling: Platz eins, keine Diskussion
Fangen wir mit dem an, der in keiner einzigen Zuchtstatistik auftaucht – und trotzdem ganz Deutschland dominiert. Der Mischling. Je nach Erhebung lebt fast die Hälfte aller Hunde in Deutschland ohne Stammbaum im Haushalt. Bei Registrierungen beim TASSO e.V., Europas größtem Tierregister, ist er seit Jahren unangefochten die Nummer eins.
Das hat sich verändert. Vor zwanzig Jahren galt ein Hund ohne Papiere in vielen Kreisen als zweite Wahl. Heute ist es für viele Hundeinteressierte die erste. Die Gründe dafür sind weniger ideologisch, als man manchmal denkt: Mischlingshunde erkranken im Schnitt seltener an den rassespezifischen Erbkrankheiten, die bei manchen Reinzuchtrassen ein echtes Problem darstellen, sie leben häufig länger, und vor allem – sie kommen meistens aus dem Tierschutz.
Das Thema Adoption ist in Deutschland salonfähig geworden, auch unter Leuten, die sich früher nie vorstellen hätten können, einen Hund aus Rumänien oder Spanien zu holen. Und wer einmal einen Mischling hatte, der weiß: Es gibt kein Zertifikat für Charakter.
Der Labrador: Zuverlässig wie das öffentliche Nahverkehrssystem – nur pünktlicher
Der Labrador Retriever ist so etwas wie der Volkswagen unter den Hunden. Nicht glamourös, nicht polarisierend, aber er läuft einfach. Immer. Er ist seit Jahren die beliebteste Reinzuchtrasse in Deutschland nach allgemeinen Registrierungsdaten – und das ist kein Zufall.
Labradore wollen gefallen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Es bedeutet, dass sie sehr gut trainierbar sind, selten grundlos aggressiv, geduldig mit Kindern, und auch nach einem langen Arbeitstag noch bereit für einen ausgedehnten Abendspaziergang. Deutsche Familien lieben ihn, weil er funktioniert. Gleichzeitig ist er so vielseitig, dass er als Blindenhund, Therapiehund, Suchhund und Familienhund eingesetzt wird – manchmal von derselben Person im Laufe seines Lebens.
Was viele unterschätzen: Es gibt in Deutschland zwei sehr unterschiedliche Typen. Die sogenannten „Show-Linien“ sind kompakter gebaut, eher ruhig. Die „Field-Trial-Linien“ sind schlanker, agiler und brauchen deutlich mehr Auslastung. Wer einen Labrador kauft oder adoptiert, sollte das wissen, bevor er sich einen Sportler in die Stadtwohnung holt und sich dann wundert.
Wusstest du?Ein wedelnder Schwanz heißt nicht automatisch Freude – Tempo, Höhe und Richtung erzählen die ganze Geschichte.Ratgeber-FaktHunde gähnen auch aus Stress oder Unsicherheit, nicht nur aus Müdigkeit.Wusstest du?Gelegentliches Pfotenlecken ist normal – tut ein Hund es ständig, steckt oft Langeweile, Juckreiz oder Stress dahinter.Wusstest du?Ein wedelnder Schwanz heißt nicht automatisch Freude – Tempo, Höhe und Richtung erzählen die ganze Geschichte.Ratgeber-FaktHunde gähnen auch aus Stress oder Unsicherheit, nicht nur aus Müdigkeit.Wusstest du?Gelegentliches Pfotenlecken ist normal – tut ein Hund es ständig, steckt oft Langeweile, Juckreiz oder Stress dahinter.
Der Golden Retriever: Der Hund zum Durchatmen
Wenn der Labrador das zuverlässige Modell ist, dann ist der Golden Retriever der weichere, offenherzigere Cousin. Die Rasse hat in den letzten Jahren in Deutschland stark zugelegt, und zwar nicht nur weil sie auf Instagram gut aussieht – obwohl das sicher nicht schadet.
Was wirklich interessant ist: Golden Retriever tauchen nicht zufällig so oft in Schulen, Pflegeeinrichtungen und Therapiehund-Projekten auf. Ihr ruhiges, menschenbezogenes Wesen macht sie für diese Arbeit besonders geeignet. Man muss nicht jede Studie dazu gelesen haben, um zu merken: Neben einem Golden atmen viele Menschen ein bisschen tiefer aus.
Im Alltag ist der Golden ein sanfter, überaus sozialer Hund, der allerdings mehr Pflegeaufwand mitbringt als der Labrador: diese Langhaarpracht will regelmäßig gebürstet werden, und sie taucht in jeder Ecke der Wohnung wieder auf. Aber wer jemals gesehen hat, wie ein Golden einen traurigen Menschen anlächelt – ja, die können das wirklich – versteht, warum die Rasse überall Wartelisten produziert.
Der Dackel: Ein deutsches Original feiert Comeback
Kaiser Wilhelm II. hatte welche. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hieß die Maskottchen-Figur Waldi und war ein Dackel. Und 2024 steht der Dackel wieder auf Platz zwei der VDH-Statistik, hinter dem Deutschen Schäferhund – mit deutlichem Aufwärtstrend in Städten wie Berlin und München.
Warum? Weil der Dackel in Wirklichkeit sehr gut in die heutige Zeit passt, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Er ist klein genug für Stadtwohnungen. Er braucht keinen riesigen Garten. Er lässt sich problemlos in der S-Bahn mitnehmen. Und er hat – und das ist vielleicht sein größtes Verkaufsargument – eine Persönlichkeit wie ein Hund dreimal seiner Größe. Mutig, eigensinnig, theatralisch beleidigt, wenn ihm etwas nicht passt.
Deutsche nennen seinen Blick liebevoll den „Dackelblick“ – diese Kombination aus Würde und leiser Empörung, die irgendwie immer funktioniert. Es gibt drei Größen (Standard, Zwerg, Kaninchen) und drei Fellvarianten (Kurzhaar, Langhaar, Rauhaar), was ihn für viele verschiedene Lebenssituationen tauglich macht. Der Haken: Dackel neigen durch ihre ungewöhnlichen Körperproportionen eher zu Rückenproblemen. Treppen, Sofas, Sprünge – das sollte man im Blick behalten.
Der Chihuahua: Unterschätzt, übersehen, überall
In Berlin sieht man den Chihuahua gefühlt an jeder zweiten Straßenecke – manchmal vor dem Café, manchmal in der Tasche, manchmal sehr selbstbewusst mitten auf dem Gehweg. Auch bundesweit taucht er in Beliebtheitslisten immer wieder weit oben auf. Und trotzdem wird er von ernsthaften Hundemenschen oft belächelt.
Das ist ungerecht. Der Chihuahua hat echte Stärken: Er wiegt oft nur ein bis drei Kilogramm, braucht wenig Platz, ist in Gesellschaft von Menschen extrem loyal und zugewandt, und wird oft deutlich älter als viele große Rassen. Wer sich heute einen Chihuahua holt, holt sich also nicht nur einen kleinen Hund ins Haus, sondern sehr wahrscheinlich einen ziemlich langen Lebensabschnitt.
Er eignet sich gut für ältere Menschen, für kleine Wohnungen, für alle, die viel reisen und einen Hund brauchen, der ins Handgepäck passt. Der Punkt ist: Er muss trotzdem sozialisiert und erzogen werden wie jeder andere Hund. Der „Kleine-Hunde-Freibrief“, bei dem Zwicken und Bellen ohne Konsequenz bleibt, ist das einzige, was aus einem Chihuahua wirklich einen unangenehmen Hund macht – nicht die Rasse selbst.
Die Französische Bulldogge: Populär und polarisierend
Wenn man bei Agila Haustierversicherung die Neuabschlüsse anschaut, taucht die Französische Bulldogge seit Jahren auf Platz zwei auf. Und fast gleichzeitig taucht sie in deutschen Veterinärdebatten auf – als Paradebeispiel für sogenannte Qualzucht.
Beides stimmt. Der „Frenchie“ ist witzig, anhänglich, braucht wenig Bewegung und funktioniert gut in der Stadt. Er hat eine Ausstrahlung, die fast niemanden kalt lässt. Gleichzeitig leiden viele dieser Hunde unter einem angeborenen Problem: Ihre deutlich verkürzte Schnauze führt dazu, dass Atmen für sie mehr Arbeit ist als für andere Hunde. Das BOAS-Syndrom, eine Atemwegserkrankung, ist bei Französischen Bulldoggen ein ernstes und viel diskutiertes Thema.
In Deutschland gibt es deshalb eine wachsende Gegenbewegung: Die sogenannten „Retro-Bulldoggen“, Zuchtlinien, bei denen die Schnauze länger und die Nüstern offener sind, werden sichtbarer. Das ist die richtige Richtung. Wer sich für einen Frenchie entscheidet, sollte heute aktiv nach solchen Linien suchen.
Der Australische Schäferhund: Der Hund für Leute, die wirklich draußen sind
Der Australian Shepherd ist kein Hund für alle. Wer das früh versteht, erspart sich viel. Er ist intelligent, manchmal zu intelligent, er braucht Aufgaben, er braucht Bewegung, er braucht Menschen, die konsequent mit ihm arbeiten. Aber für die richtige Person – aktiv, hundeaffin, bereit für tägliche Beschäftigung – gibt es kaum einen erfüllenderen Begleiter.
In den Agila-Statistiken ist er regelmäßig unter den Top 5, und zwar besonders bei jüngeren, aktiven Tierhaltern. Agility, Canicross, Frisbee, Herding Trials – der Aussie macht bei allem mit und übertrifft seine Besitzer meistens an Energie. Er kommt ursprünglich, trotz seines Namens, nicht aus Australien, sondern wurde hauptsächlich in den USA als Arbeitshund für Ranches entwickelt. Was zählt: Er ist ein Arbeitshund. Wer das respektiert, hat einen ungewöhnlich loyalen Partner.
Der Deutsche Schäferhund: Legende mit Rückenwind
Der Deutsche Schäferhund ist in der VDH-Zuchtstatistik noch immer die Nummer eins – mit über 6.000 eingetragenen Welpen allein 2024. Und er ist gleichzeitig die Rasse, über die in Deutschland am meisten diskutiert wird.
Das Kernproblem ist bekannt: Jahrzehnte der Selektion auf ein stark abfallendes Hinterteil haben zu Hüft- und Rückenproblemen beigetragen. Nicht jeder Schäferhund ist krank, aber die Debatte ist berechtigt. In vielen Zuchtkreisen wird heute wieder stärker über gerade Rücken, Belastbarkeit und Funktionalität gesprochen – und das ist überfällig.
In Städten sieht man ihn seltener als noch vor zehn Jahren. Er braucht Aufgaben, Raum, und eine klare Führung. Für Familien mit Erfahrung, einem Garten und Zeit für intensive Beschäftigung ist er nach wie vor einer der besten Hunde, die es gibt. Für alle anderen ist er vielleicht zu viel.
Wenn man diese Rassen nebeneinander anschaut, sieht man ein ziemlich klares Bild: Deutschlands Hundehaltung wird urbaner, ethischer, praktischer. Mischlingshunde aus dem Tierschutz statt teurer Stammbaum. Kleine Rassen für kleine Wohnungen. Und gleichzeitig eine wachsende Bereitschaft, ehrlich über die Probleme bestimmter Zuchtlinien zu sprechen.
Der Hund als reines Statussymbol ist auf dem Rückzug. An seine Stelle tritt der Hund als Familienmitglied, als Trainingspartner, als emotionaler Anker. Das ist, wenn man so will, eine gute Entwicklung – für die Hunde genauso wie für die Menschen.
In den nächsten Wochen schauen wir uns jede dieser Rassen einzeln und viel genauer an: Was macht sie aus, was brauchen sie wirklich, und für wen passen sie? Weil jeder Hund mehr verdient als einen Absatz in einer Übersichtsliste.