Im Mai 1925 geht in Tokio ein Mann namens Hidesaburō Ueno wie jeden Morgen aus dem Haus. Er ist Agrarwissenschaftler an der Kaiserlichen Universität Tokio, ein freundlicher Mensch mit Bart und Hut, und an diesem Morgen begleitet ihn, wie immer, sein eineinhalbjähriger Akita Inu zum Bahnhof Shibuya. Der Hund heißt Hachiko. Er bleibt am Eingang sitzen, schaut dem Professor nach, und legt sich dann in seine gewohnte Ecke, um zu warten.
Am Nachmittag wird er den Professor nicht abholen. Der Professor wird nicht kommen. Hidesaburō Ueno erleidet während einer Vorlesung eine Hirnblutung und stirbt noch am selben Tag.
Hachiko versteht das nicht. Er kann es auch gar nicht verstehen. Er weiß nur eines: Sein Mensch geht morgens, sein Mensch kommt am Nachmittag. Also wartet er.
Er wartet neun Jahre lang.
Was als Routine begonnen hatte
Akitas sind keine Hunde, die ihre Bindung leicht verteilen. Die Rasse stammt aus den bergigen Regionen Nordjapans, ursprünglich gezüchtet zur Jagd auf Bären und Wildschweine, und hat etwas in ihrem Wesen, das man fast altmodisch nennen könnte: ruhig, würdevoll, manchmal schwer zugänglich, aber wenn die Beziehung einmal steht, dann komplett.
Ueno hatte den Welpen 1924 aus der Präfektur Akita bekommen, eine Reise von rund 500 Kilometern in einem Zug, eingewickelt in einen Reissack. Der Hund war klein, schwach und sah aus, als würde er die ersten Wochen nicht überleben. Ueno päppelte ihn auf. Und das Tier dankte es auf seine Weise: Es wich dem Professor kaum von der Seite, brachte ihn morgens zum Bahnhof, holte ihn nachmittags wieder ab.
Etwa anderthalb Jahre dauerte diese Routine. Dann war sie vorbei.
Die Jahre, die niemand erwartet hatte
Nach Uenos Tod wurde Hachiko zunächst zu Verwandten gegeben, dann zu einem ehemaligen Gärtner der Familie Ueno namens Kobayashi, der ein paar Straßen vom Bahnhof entfernt wohnte. Aber Hachiko machte etwas, das so niemand erwartet hatte. Er ging weiter zum Bahnhof.
Jeden Tag. Bei Regen, bei Schnee, im glühenden Sommer. Zur Zeit, in der der Zug aus Shibuya immer eingefahren war. Er setzte sich an seinen Platz, schaute auf die Pendler, suchte zwischen den Hüten und Mänteln nach dem einen Gesicht, das er kannte. Und ging dann, wenn der letzte Mensch heraus war, langsam wieder nach Hause.
Nicht ein Tag. Nicht eine Woche. Neun Jahre.
In den ersten Jahren war er für die meisten Bahnhofsangestellten und Pendler einfach nur ein Streuner, der lästig war. Manche jagten ihn weg. Kinder zogen an seinem Schwanz. Verkäufer stellten ihm Wasser hin, andere nicht. Er bekam Hautekzeme, wurde dünn, blieb aber dort.











