Wusstest du? Warum Hunde den Kopf schief legen, wenn wir mit ihnen reden
Du sagst „Gassi“ und der Kopf kippt zur Seite. Du sagst „Banane“ und derselbe Effekt. Was die Forschung 2021 herausgefunden hat, ist deutlich interessanter, als die meisten denken.
PawsHaus Ratgeber-Team
Wusstest du?
Es gibt diesen einen Moment, der eigentlich in jedem Hund-Mensch-Haushalt jeden Tag mindestens einmal passiert. Du sagst irgendein Wort. Vielleicht „Spaziergang“. Vielleicht den Namen des Hundes. Vielleicht – und das ist wahrscheinlich der Klassiker – etwas in einem ungewohnten Ton, etwa eine Frage, die du dir selbst stellst, aber laut.
Und der Hund legt den Kopf schief.
Diese Geste ist so universell, dass sie inzwischen ihren eigenen Platz in der Hundekultur bekommen hat. In Stockfoto-Datenbanken. Auf Geburtstagskarten. In Hundefutterwerbung. Es ist die süßeste Pose, die ein Hund hat, und sie funktioniert noch nach dem dreißigsten Mal.
Die Frage ist nur: Was geht da eigentlich vor?
Die einfache Erklärung, die nicht ganz reicht
Lange war die naheliegendste Antwort: Hunde tun das, weil sie etwas besser hören wollen. Die schiefe Kopfhaltung verschiebt die Ohrmuschel und könnte helfen, die Richtung eines Geräusches präziser zu lokalisieren. Klingt logisch. Hat aber zwei Probleme.
Erstens: Hunde haben ein extrem genaues Richtungsgehör auch ohne den Trick. Sie können eine Geräuschquelle auf wenige Grad genau lokalisieren, ohne den Kopf zu bewegen. Zweitens: Wenn es nur ums Hören ginge, müssten alle Hunde diese Geste in vergleichbarer Häufigkeit zeigen. Tun sie aber nicht. Manche legen den Kopf ständig schief. Andere fast nie.
Das hat eine Forschungsgruppe an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest stutzig gemacht. Und sie haben das, was alle anderen für eine niedliche Beobachtung gehalten hatten, einfach mal sauber untersucht.
Das Experiment mit den „begabten“ Hunden
Die Studie wurde 2021 im Fachjournal Animal Cognition veröffentlicht. Geleitet von Andrea Sommese und Adam Miklósi, einer Gruppe, die schon seit Jahren zur Hundekognition forscht. Der Aufbau war so:
Sie verglichen zwei Gruppen von Hunden. Die erste waren „normale“ Familienhunde, die wie jeder andere Hund mehrere Wörter kannten – Sitz, Platz, Komm, vielleicht den Namen des Lieblingsspielzeugs. Die zweite Gruppe waren sogenannte gifted word learners, also Hunde, die im Stande waren, sich aktiv die Namen mehrerer Spielzeuge zu merken und sie auf Anfrage zu apportieren. Border Collies, hauptsächlich, aber auch ein paar andere Rassen.
Beide Gruppen wurden während Trainingseinheiten gefilmt. Die Forscher analysierten dann, wie oft die Hunde den Kopf schief legten, wenn ihre Halter ihnen ein vertrautes Wort zuriefen.
Das Ergebnis war deutlich. Die normalen Hunde zeigten die schiefe Kopfhaltung bei rund neun Prozent der Versuche. Die gifted word learners bei rund 43 Prozent. Beim selben Wort, vom selben Halter, in vergleichbarer Umgebung.
Das war ein Unterschied, den man nicht durch Zufall erklären konnte.
Wusstest du?Zehn Minuten Nasenarbeit können einen Hund ähnlich auslasten wie eine lange Runde Gassi.Ratgeber-FaktEin Hund braucht keine Rudelführer-Show – klare Routinen und faire Regeln bringen mehr Ruhe.Wusstest du?Die Körpertemperatur eines gesunden Hundes liegt bei 38 bis 39 °C – höher als beim Menschen.Wusstest du?Zehn Minuten Nasenarbeit können einen Hund ähnlich auslasten wie eine lange Runde Gassi.Ratgeber-FaktEin Hund braucht keine Rudelführer-Show – klare Routinen und faire Regeln bringen mehr Ruhe.Wusstest du?Die Körpertemperatur eines gesunden Hundes liegt bei 38 bis 39 °C – höher als beim Menschen.
Was das bedeuten könnte
Die Hypothese der Forscher: Die schiefe Kopfhaltung ist ein Zeichen erhöhter Konzentration. Der Hund verarbeitet, ordnet zu, sucht in seinem mentalen Lager nach dem passenden Bild zu dem gehörten Wort. Hunde, die generell mehr Wörter mit mehr Bedeutung verbinden, tun das öfter, weil sie öfter etwas zu verarbeiten haben.
Anders gesagt: Wenn dein Hund den Kopf schief legt, sagt er dir vielleicht nicht „ich höre dich besser so“. Sondern „ich versuche gerade, das hier zu verstehen“.
Das ist ein ziemlicher Unterschied.
Es passt auch dazu, dass viele Halter die Geste vor allem dann bemerken, wenn das Wort eindeutig wichtig ist. Bei „Gassi“ oder „Leckerli“ oder bei Wörtern, die unerwartet auftauchen. Bei einem stetig dahin gemurmelten Selbstgespräch mit dem eigenen Kalender bleibt der Hund hingegen ruhig liegen. Was logisch ist – da gibt es nichts zu sortieren.
Es gibt aber noch eine zweite Spur
Andere Forscher, etwa Stanley Coren, der sich seit Jahrzehnten mit Hundeintelligenz beschäftigt, weisen auf einen weiteren möglichen Faktor hin: die Sicht. Hunde mit langen Schnauzen sehen ihren Halter nicht ganz, wenn sie geradeaus auf sein Gesicht schauen. Die Schnauze blockiert einen kleinen, aber nicht unwesentlichen Teil des unteren Gesichtsfeldes.
Wer schon einmal einem Greyhound oder Collie direkt ins Auge schauen wollte, weiß das. Diese Hunde drehen den Kopf leicht, weil sie sonst den Mund des Menschen kaum sehen. Und der Mund ist beim Sprechen offenbar relevant – auch für Hunde, die ja durchaus auf Mimik reagieren.
Bei kurznasigen Rassen wie Französischen Bulldoggen oder Möpsen sieht man die Geste tatsächlich seltener. Das ist anekdotisch, aber konsistent genug, dass es sich lohnt, es zu erwähnen. Sie haben das Problem mit der Sichtblockade einfach nicht.
Die wahrscheinlichste Antwort ist also wie so oft im Tierverhalten: Es ist nicht nur eines. Wahrscheinlich kombiniert sich da Konzentration mit besserer Sicht auf das Gesicht des Menschen, manchmal mit einem gelernten Verhalten obendrauf, weil der Hund irgendwann gemerkt hat, dass diese Geste bei seinen Menschen ein lautes „Ohhh, schau mal“ auslöst.
Die Sache mit der Konditionierung
Genau dieser letzte Punkt ist nicht zu unterschätzen. Hunde lernen extrem schnell, welches Verhalten welche Reaktion auslöst. Wenn dein Hund den Kopf zum ersten Mal als Welpe schief legt und du in dem Moment lächelst, „ohhh“ sagst und ihn streichelst, hast du einen Verstärker gesetzt, ob du wolltest oder nicht.
Bei vielen Hunden ist die Geste deshalb mit der Zeit halb echte Reaktion, halb gelerntes Verhalten. Sie merken: Wenn ich das mache, passiert etwas Schönes. Also machen sie es etwas öfter, in etwas mehr Situationen, manchmal auch ohne dass sie wirklich etwas zu verarbeiten hätten.
Das macht die Geste nicht weniger süß. Aber es ist gut zu wissen, dass nicht jedes schiefe Köpfchen ein Beweis für intensive Denkarbeit ist. Manchmal ist es einfach gutes Schauspiel. Wer mit Hunden lebt, weiß, dass sie das ziemlich beherrschen.
Probier mal etwas aus. Sag deinem Hund ein Wort, das er gut kennt – seinen Namen, „Gassi“, „Leckerli“. Dann sag ein Wort, das gleich klingt, aber anders ist. Statt „Spaziergang“ zum Beispiel „Spagat“. Statt „Leckerli“ „Lederband“. Sieh dir an, wann der Kopf schief geht und wann nicht.
Bei den meisten Hunden geht er bei vertrauten Wörtern öfter schief als bei unbekannten. Bei manchen ist es genau umgekehrt, weil das unbekannte Wort sie irritiert und sie deshalb länger zuhören. Beides ist normal, beides ist interessant.
Was die Forschung in Budapest letztlich gezeigt hat, ist nichts Bahnbrechendes über die Genialität von Hunden. Sondern etwas Schöneres: dass diese kleine Bewegung kein Zufall ist. Sie ist ein Hinweis darauf, dass dein Hund tatsächlich versucht, dich zu verstehen.
Und das ist, wenn man kurz darüber nachdenkt, ein wirklich freundlicher Gedanke. Da liegt jemand auf dem Teppich, mit einem Gehirn, das die Hälfte unseres Wortschatzes nicht greifen kann, und probiert es trotzdem. Jeden Tag aufs Neue. Mit schiefem Kopf.